Sonntag, 5:13 Uhr – Werde noch immer von ihm verfolgt. Verdammt, bin nicht schnell genug. Sehe schon sein Messer blitzen.
5:14 Uhr – Typ holt mich auf der Brücke ein. Nuschelt mir was ins Ohr, Stimme kommt mir bekannt vor. Die Gewichte, die er gerade an meine Beine schnallt, gefallen mir irgendwie nicht.
5:15 Uhr und 18 Sekunden – Will nicht in den Fluss geworfen werden. Halte mich krampfhaft am Geländer fest. Typ ginst. Hat seltsamen Mundgeruch. Jetzt löst er meine Hand Finger für Finger.
5:15 Uhr und 27 Sekunden – Falle ins Bodenlose. Öffne mit Schreck die Augen und sehe ins Bett gekrabbelten Sohn neben mir einkuscheln, meinen Finger in der Hand. Entspanne mich allmählich und decke Sohn mit der Decke der Frau zu. Ein kleiner Engel. Schlafe erleichtert wieder ein.
6:05 Uhr – Wache widerwillig auf. Bin todmüde, es ist kalt und mein Ohr kitzelt. Frau hat jetzt meine Bettdecke, schläft seelenruhig. Sohn kniet hellwach neben meinem Kopf, lächelt freundlich und steckt seinen Finger in mein Ohr. Nehme seinen Arm zur Seite, murmle “Papa kalt, Papa weiterschlafen” und wickle mich in die nächste freie Bettdecke.
6:10 Uhr – Sohn singt vor sich hin. Bin todmüde.
6:17 Uhr – Sohn lässt Kuschelelefanten im Takt mit Töröö über meinen Bauch hüpfen. Stelle mich weiter schlafend.
6:22 Uhr – Ahhh, Sohn klettert vom Bett und tapst davon. Sehr gut. Bin stolz, dass Sohn sich jetzt morgens schon alleine beschäftigt. Beschließe, damit morgen als erstes einen übernächtigten Kollegen zu ärgern. Nicke zufrieden wieder ein.
6:36 Uhr – Wieder wach. Sohn krabbelt unter meine Decke. Hat eiskalte Füße. Kuschelt sich an. Ein kleiner Engel.
6:48 Uhr – Höre lautes Knacken. Sohn und Frau schlafen selig.
6:48 Uhr und 22 Sekunden – Explosion zerreißt den Morgen. Glas splittert. Stürze nach Schrecksekunde aus dem Bett in die Diele, muss jetzt meine Familie mit bloßen Händen gegen Einbrecher verteidigen.
6:49 Uhr – Weit und breit kein Einbrecher. Stoße Küchentür auf, angenehm warm hier. Laufe zum Herd, um die rotglühende Platte abzuschalten und überlege angestrengt, was explodiert sein könnte.
6:49 Uhr und 5 Sekunden – Erinnere mich wieder dunkel an das Schneidbrett aus Glas, das auf dem Herd stand und dessen winzige glühende Scherben sich gerade in meine Füße bohren.
7:00 Uhr und 40 Sekunden – Frau und Sohn stehen in der Tür und sehen neugierig zu, wie ich unter Schreien sterbe. Sohn schaut zu Mutter, deutet auf Herd und tadelt meinen Leichtsinn: “‘eiß!”
7:03 Uhr – Schleppe mich mit letzter Kraft in die Diele. Frau schimpft mit mir, verstehe nur “nicht alleine”, “Kindersicherung” und “wolltest schon seit langem”. Überlege ob Glas im Fuß einer Feuerbestattung entgegensteht. Sohn untersucht unterdessen gewissenhaft mein Ohr. Teilt mit besorgtem Blick Diagnose mit: “Papa aua”. Ich weiß.
7:10 Uhr – Zucke jedes Mal zusammen und schreie. Frau gibt auf und legt Pinzette zur Seite. Schlage ihr vor, nächstes Mal einen Fakir zu heiraten. Sohn tröstet mich: “Papa aua” und pustet in mein Ohr gegen die Schmerzen.
9:23 Uhr – Sitzen in der Ambulanz. Sohn spielt in der Kinderecke mit zwei Stoffbären. Beschließe im Fall meines Überlebens Managementseminare zum Über-glühende-Scherben-Laufen anzubieten. Ha, werde steinreich sein.
9:52 Uhr – Habe die “Bunte” vom Juli 1996 fast durch. Bin immer noch müde. In der Spielecke stirbt gerade ein Stoffbär unter Flüchen an einer Ohrenkrankheit. Woher hat der Junge diese Wörter? Nehme mir vor, später ein ernstes Wort mit der Frau zu wechseln.
10:08 Uhr – Werde endlich aufgerufen. Arzt sieht auch müde aus, nuschelt was von “Sie wissen ja, kleine Kinder”. Erblasst vor Neid als ich ihm erzähle, dass Sohn morgens schon alleine aufsteht.
10:12 Uhr – Arzt betäubt und desinfiziert meine Fußsohlen. Nuschelt vor sich hin. Sehe zu, wie er Scherbe für Scherbe aus dem Fuß holt. Leichter Schwindel.
10:15 Uhr – Arzt redet auf mich ein. Sehe ihn verständnislos an. Kann er einen Schwerverletzten nicht in Ruhe sterben lassen? Fragt mich, ob Mitglieder meiner Familie sehr hörig seien. “Wie bitte?” Arzt brüllt: “Sagen Sie, sind mehrere Mitglieder in ihrer Familie schwerhörig?!” Scheint mir etwas gereizt.
10:32 Uhr – Verlasse gestützt auf meine Frau die Ambulanz. Fühle mich wacklig, beschließe, noch ein bisschen zu jammern. Sohn deutet auf mein Ohr und nickt: “Papa aua”.